Abkapselungen: Finsterworld

Dass es in Frauke Finsterwalders Spielfilmdebüt Finsterworld ganz schön kracht, war da und dort zu vernehmen. Dass die zwanzig Jahre später stattfindende Rückkehr ins Faserland oder besser: die erneuerte diesmal panoramaartige Berichterstattung aus dem Faserland – welches bis heute dem Imperium untersteht, woher möglicherweise der englische Teil im Titel rührt – in verlangsamtem Tempo, also nicht ebenso laut und furios wie in der seinerzeitigen rasanten literarischen Durchfahrt vonstatten geht, ebenfalls. Vielleicht müsste man also eher sagen, dass es ganz schön „krächelt“, in dieser sonnendurchfluteten Welt. Doch – um einen weiteren krachtschen Titel ins Spiel zu führen – da wo Sonnenschein herrscht, gesellt sich auch der Schatten hinzu. Abgründe sind Teil des trotz konstatierter Weltbeschädigung immerhin noch möglichen Glücks.


Waldgesang, etc.

Die Geschichte beginnt mit einem zeitgenössischen Aussteiger (Johannes Kirsch), der nicht etwa auf einer fernab liegenden Südseeinsel, sondern im Wald zuflucht sucht. Sein thoreauischer Ausbruchsversuch wird sich als Illusion entpuppen. Das einsame Leben in der Kabine ist unmöglich. Auf die brutale (Zer-)Störung seiner Idylle durch anonyme Akteure der Zivilisation wird er im Verlauf der Handlung als rächender Deus ex Machina ebenso anonym und willkürlich mit den zerstörerischen Mitteln eben dieser verhassten Zivilisation antworten. Be-, aber nicht getroffen von diesem Eingriff wird das Ehepaar Sandermann, das dadurch kurzzeitig aus seiner Wohlstandskapsel gerissen wird.

Finsterworld lässt sich denn auch als episodisch erzähltes Familienporträt oder als Generationenfilm über die Familie Sandermann bezeichnen. Die familiären Beziehungen sind in beide Altersrichtungen gestört: Dem Ehepaar (Corinna Harfouch und Bernhard Schütz) als Mittelglied steht zum Einen die immobile, im Altersheim abgekapselte einsame Grossmutter (Margit Carstensen), der verwöhnte, sich zum zynischdistanzierten Snob entwickelnde Sohn zum Anderen, gegenüber. Beide wird die Liebe retten: Die Grossmutter bandelt mit ihrem dem ‚sekundären' Kannibalismus (Imperium lässt grüssen!) frönenden Fusspfleger Claude (Michael Maertens) an. Der Sohn Maximilian (Jakub Gierszal) gewinnt dank einer perfiden Finte die Gunst seiner ‚nerdigen' Mitschülerin Natalie (Carla Juri).

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„Ready for the KZ-Besuch“: comiclesende Nerds

Nebenbei wird die Geschichte der desillusionierten, ein frustriertes Blabla praktizierenden, Dokumentarfilmerin Franziska (Sandra Hüller) und ihres Freundes Tom (Ronald Zehrfeld) erzählt. Letzterer findet im Furryfetisch in Form von anonymen Streicheleinheiten Ausgleich für seine tägliche autoritäre Berufsfunktion als Polizist. Das (unmögliche) Zurück zur Natur geht in seinem Fall über den Umweg der Simulation und künstlich grotesker Tierkostüme vonstatten; einen echten Pelz kann er sich, wie die kurze Szene beim moralisierenden Pelzhändler (Dieter Meier) zeigt, finanziell nicht leisten. Für die Dokumentarfilmerin wird sich der dunkle Kontinent als Ausbruchsoption aus der finsteren Welt des Gegenwartsdeutschlands erweisen. Irgendwo dort findet in Form einer merkwürdigen interkulturellen Begegnung eine der, meines Erachtens, stärksten Szenen des Films statt.
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Die Dokumentarfilmerin mag nicht mehr

Finsterworld ist keine heile Welt; so sind denn vom bereits erwähnten Einsiedler, über den idealistischen Lehrer Nickel (Christoph Bach), bis hin zum Tagträumer Dominik (Leonard Scheicher) auch Opfer – unter den Normalgeschädigten – zu beklagen.
Abschliessend ist zu erwähnen, dass der Film – durchaus raffiniert – mittels langer Einstellungen mit den ungeduldigen Sehgewohnheiten der Zuschauer spielt. Es herrscht – nicht nur negativ verstanden – Langeweile, bis die Handlungen in Gang kommen. Schlimmer- und bedenklicherweise wirken manche der Dialoge gewöhnlich und vertraut. Mir scheint aber, dass gerade darin eine Stärke dieses Films besteht.
Meine Empfehlung: Hingehen, hinhören und hinsehen.

Ab dem 27.3. zum Beispiel in Zürich:
-Kino Uto
… und andernorts bereits früher (ab dem 20.3):
– Aarau (Freies Kino)
– Bern (Kino Kunstmuseum)
– Luzern (Stattkino)
– Saas Fee (Filmfestival)
– Schaffhausen (Kino Scala)
– St. Gallen (Kinok)
– Winterthur (Kino Loge)

n.n.m.s.

Kompost und Komposita.

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