Odessa, die letzen Minuten auf der Titanic – Reisebericht aus der Ukraine

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Verkatert sitze ich [1] in einem Café, versuche meine Gedanken zu ordnen. Die letzten Tage hatten es in sich. Viele Menschen erzählten mir aus ihrem Leben, von ihren Träumen und natürlich diskutierten wir über Politik und den Krieg. Ich bin in Odessa, Odessa liegt in der Ukraine, ein paar hundert Kilometer weiter weg wird gestorben. Ich mache hier Ferien.


Everybody is cool this is a robbery

Nach etwa 20 Minuten drückte mir die Grenzbeamtin den Einreisestempel in meinen Pass. ,,Ok, your risk.” Vorausgegangen waren Erklärungsversuche, dass ich mir der Gefahr bewusst sei und keine anderen Ziele hätte, als in Odessa ein paar Tage Ferien zu machen. Skeptischer Blick der Beamtin, Polizei, Militär und Milizen machten klar, dass die sehr spontane Schnapsidee, in einem Krisengebiet Ferien zu machen, konkret wurde. Der Zug stammt vermutlich aus den 50ern, aus dem eingebauten Lautsprecher knistert abwechslungsweise Hip-Hop, ukrainische Folklore und der Soundtrack von Pulp Fiction. Sehr cool, sehr bizzar.

Ich sitze immer noch hier, mittlerweile hat sich ein älterer Mann zu mir gesetzt, er ist sichtlich durch den Wind, textet mich freundlich zu. Ich verstehe kein Wort, er versteht kein Englisch. Wir unterhalten uns, jeder in seiner Sprache und rauchen. Andere Gäste beginnen mitzureden, der Ton wird hitzig, ich verstehe nur Ukrain, Rusky und Putin. Ich bezahle und mache mich davon.


Sandstrand mit Strandsand

Odessa ist eine Hafen- und Touristenstadt am Schwarzen Meer. Unterschiedliche Kulturen haben in der Stadt ihre Spuren hinterlassen. Gesprochen wird hauptsächlich Russisch, nicht Ukrainisch. Angekommen lief ich Richtung Strand, frage mich durch. Ein Hotel war schnell gefunden, der Preis halbierte sich nach zwei Minuten Verhandlung ohne dass ich mich wirklich bemühte. Ich bin ein Gast von wenigen. Danach logischerweise sofort an den Strand. Die Beach ist rammelvoll, nach etwas Volleyballspielen komme ich mit G. ins Gespräch. Vor kurzem habe er sein Ingenieurstudium abgeschlossen, finde aber keinen Job. Angesprochen auf den Krieg meint er lakonisch: ,,This is no war this is political problem.” Am nächsten Tag, so erzählt er mir, rücke er ein. Freiwillig bzw. für USD 400 pro Monat. Er habe keinerlei militärische Ausbildung, habe keine Ahnung wo und wozu er eingesetzt werde, jedenfalls gehe es nach osten. Er würde lieber in den USA WCs putzen statt hier als Ingenieur zu arbeiten…

Langeron
Langeron

Zwei schwere Helikopter fliegen tief über die Beach, ältere Leute bleiben gebannt stehen, starren in die Luft, die jüngeren ignorieren das Schauspiel demonstrativ. Aus den Augenwickeln bemerke ich einen Mann der ein Bild der Helis macht, zu telefonieren beginnt und sich hinter einen Bretterverschlag verdrückt. – Vielleicht um seine Grossmutter in Moskau anzurufen. Alles sehr, sehr aufregend.

Gegen Abend bin ich mit A und B unterwegs, ein junges Pärchen. Die beiden treffen auf einen Kumpel, A gibt ihm ein paar Krümel Gras ab. Ob Drogenbesitz bzw. -konsum nicht sehr hart bestraft werde, frage ich. Nein meint A, das gelte nur für das harte Zeugs und die Polizei habe momentan sowieso anderes zu tun.


This is Odessa here you can get everything

Neuer Tag. C ist um die 30, offener und wacher Blick, viel zu hart für sein Alter. Langsam checked er mich ab, versucht mich einzuordnen. ,,You want something? You know this is Odessa here you can get everything.” Ich gebe direkt zu verstehen, dass ich weder auf der Suche nach einer Prostituierten bin, noch mir sonst etwas reinpfeifen möchte. Er lacht (habe ihn in diesen Tagen exakt zwei mal Lachen gesehen). Allerdings hätte ich Lust auf Party. ,,You know I'm a tourist I don't know nothing.” Kurzerhand meinte er, ich solle nach Feierabend vorbeikommen, er wolle mir seine Stadt zeigen.

Nach dem zweiten Bier legte er seine Höflichkeit ab und trank in seinem eigenen Tempo weiter. An guten Tagen könne er bis zu 25 Liter Bier trinken, ich entgegne, dass man soviel gar nicht pissen könne. Doch meint er, aber alle 20 Minuten. ,,Angenommen du müsstest ein einziges Foto machen, das dein Odessa am besten symbolisiert.“ Er überlegt lange, wir wechseln das Thema. Stunden später zeigt er auf einen Torbogen, der zu einem Innenhof führt. Das sei sein Odessa, genau das.

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C beginnt aus dem Nähkästchen zu erzählen. Sein Ãœberblick über die hiessige Schattenwirtschaft ist beeindruckend. Beispielsweise koste die ‘Lizenz' für einen kleinen Stand an der Strandpromenade USD 80’000. Als Vergleich: C verdient 400 pro Monat, das ist nicht unbedingt schlecht. Ich hörte weitere Beispiele, bei denen es mir schlicht die Schuhe auszog. Vielleicht lässt es sich verallgemeinernd so zusammenfassen, dass Geschäfte machen, ohne zu schmieren, in der Ukraine nicht möglich ist. Das ist nichts Neues, aber schon eindrücklich, mit welcher Konsequenz dies alle Facetten des Alltags durchdringt.

Auf die Politik angesprochen, gibt sich C wortkarg. Putin sei smart, der Krieg sinnlos, überhaupt gehörten Russland, Ukraine, Ungarn etc. zusammen, so wie früher. Und sowieso sei er hier bald fertig, besorge sich einen russischen Pass und gehe dorthin arbeiten. Aber so oder so, Odessa sei sicher. Ich lass die Fragerei. Wir ziehen um die Häuser, ins True Man, (Leibesvisitation, Securities mit Schutzweste), Wardrobe etc. Es ist ein Tag unter der Woche, die hiessige Jugend feiert ab, als gäbe es kein Morgen. Es läuft Nena, 99 Luftballons.

Irgendwann zwischen drei und vier, meinte er, dass wir gehen sollten. Ich wollte noch feiern, versicherte dass ich den Weg schon fände und auf mich selbst aufpassen könne. ,,Sure you can but you don’t know Odessa. It’s not save here.“ Die kommenden Tage wurde mir dies je länger je klarer. Als ich einen Baum anpisse bzw. mein Gebiet markiere, meint er, dass ich nun zu Odessa gehöre.


Sonnenuntergang

Folgendes Erlebnis werde ich wohl mein Leben lang nicht mehr vergessen können: Abend. Satt und zufrieden ging ich meines Weges. Drei Schönheiten standen vor einem Club und fragten nach Feuer. Natürlich hatte ich Feuer – und wie. Wir rauchten, nach einer halben Ziggi war ich überredet, mit reinzukommen. Der Laden entpuppte sich als Showroom für Ukraines Hauptexportgut, sprich ein Strip Club. Ich war der einzige Gast, die Mädels zogen eine Show ab… nun ja, ich bin ein Mann und habe Reflexe. Aber ernsthaft, eine ausdrucksstärkere künstlerische Untermalung für Rammsteins ‚Sonne‘ kann ich mir nicht vorstellen. Ich scherze nicht, auch wenn es vielleicht so rüberkommt. Nach einer halben Stunde musste ich raus. Meine Impulskontrolle war durch das Saufen ohnehin schon zum Teufel, eine Minute länger und die Damen hätten mich an der Leine rumführen können.

Draussen rauchte ich noch eine mit D, die Managerin gesellte sich dazu, wir plauderten. Ich staunte, dass keine Gäste hier seien, immerhin war Freitag Abend und der Laden alles andere als Drecksloch, im Gegenteil: edel, stilvoll, zudem zentral gelegen. Ja, das sei seit dem sogenannten Odessa-Massaker vom Mai so. Danach meine Standartfrage bezüglich der Sicherheitslage hier in Odessa. E, die Managerin druckst herum. (By the way kommt mir E von ihrem Auftreten her eher wie ein Wissenschaftlerin vor, würde mich nicht wundern, wenn sie einen PhD in Raketenwissenschaften oder so hat… vielleicht ein Nebenjob, egal.) E meint: ,,Yes it’s calm now. But there might happen something soon. We don’t know… Police told to close the club on august 18th, families with children should leave Odessa by then… no it’s not official.“ D steht daneben, ihr professionelles Lächeln hat Risse bekommen, bricht schliesslich ganz in sich zusammen. Tunnelblickblick auf die Treppe vor uns. So sieht Angst aus. – Es braucht wenig Vorstellungsvermögen sich auszumalen, was mit einer bildhübschen jungen Frau wie ihr passieren kann, wenn die Scheisse hier erst richtig losgeht. Wir befinden uns in der Ukraine… You can get everything.

(Seitdem ist mein Feriengrinsen weg, ich stelle an mir denselben neutral-unverbindlichen Gesichtsausdruck fest, den viele Leute hier mit sich rumtragen. Seitdem gehe ich nur noch bei Grün über die Strasse, benutze Aschenbecher und Abfalleimer, gebe anständig Trinkgeld. Tags drauf begann ich meine Rückreise zu organisieren.) Party is over! Naja, noch nicht ganz.


Fotografie des Autors – Ich wünschte mir Heiner Müller wäre hier

Gut. Ich sitze in Kiev. Morgen geht mein Rückflug. Ich versuche den Rest meiner kleinen Geschichte aufzuschreiben. Die Notizen brauche ich nicht mehr. Die restlichen Ereignisse haben sich gewissermassen in mein Gehirn eingebrannt. Vielleicht neige ich zum gekünstelten Dramatisieren. Ich weiss es nicht, spielt auch keine Rolle mehr – nicht für mich. Ich bin 50 km vom Maidan entfernt ausserhalb der Stadt, direkt neben dem Flughafen. Abgesehen von massiv verschärften Sicherheitsmassnahmen (immerhin zwei voneinander unabhängige Quellen) und entsprechend längeren Wartezeit beim Security-Check sollte dies keine Auswirkungen auf meinen Rückflug haben. Der Iraker, den ich gestern traf, berichtete mir davon. ,,You are going to Kiev?! People are now coming from Kiev to Odessa coz of Maidan.“ Natürlich nehme ich die Warnung eines Irakers ernst – ein Inuit kennt sich auch mit Schnee aus. Immerhin wurden Flüge nach Moskau gestrichen. – Flüge von Kiev nach Moskau, während in der Ostukraine russische Freischärler rummachen?! Bizarr, bizarr. Auf dem Flughafen sehe ich einen Lukoil Tanklaster, irgendwie beruhigend.

Auf meinem Flug nach Kiev ist ein Mitarbeiter einer westlichen Botschaft. Er meinte kein Problem in Kiev, andernfalls hätte ihn sein Büro verständigt. Er ist mit Familie unterwegs. Hauptsache man halte sich aus der Politik raus. (Klar! What else!? Alles scheint mittlerweile politisch, ausser vielleicht eine Tasse Kaffee.) Aber ja, die Infos seien Widersprüchlich. ,,At the end everyone has to make his own conclusions.“ Ich bleibe beim Airport, widerstehe der Versuchen zu schauen, was wirklich beim Maidan abgeht. Grundsätzlich beziehen sich die meisten, mit denen ich gesprochen habe auf Infos von Freunden und Bekannten. Kann mich nicht erinnern, dass sich jemals jemand auf die Medien bezog, allenfalls via Social Media.


Titanic: Let’s Dance!

Ich bin also beim Sonnenuntergang stehen geblieben. Anschliessend musste ich laufen, beschloss mich zu besaufen. Aber richtig. Bei einer roten Ampel treffe ich Ziya, ein türkischer Matrose auf Landurlaub. Ziya hat dasselbe Ziel wie ich. Er kenne noch einen Club, der offen habe, vor zwei Tagen sei er dort gewesen. Ein Gay & Lesbian Club zwar aber nette Leute und gute Musik. Mir ist’s recht. Ziya kennt sich aus, spricht russisch. Wir machten uns auf den Weg, zuerst der übliche Smalltalk über die Schönheit der Natur bzw. Odessas Frauen – vermutlich um uns gegenseitig zu versichern, dass wir beide nicht schwul sind. Punkt zwei die Sicherheit. Kein Problem, meint er. Ich solle aber unbedingt schauen, dass nächste Woche hier weg bin. Drei oder viermal wiederholt er das. Ich glaubs auch so. Ich bringe den Vergleich mit den tanzenden Passagieren auf der sinkenden Titanic und mir kommt es vor, als liefen wir durch eine tote Stadt. Alles friedlich ruhig. Ich will ein Bier.

In den Gay Club kommen wir nicht mehr rein. Die Security sei ausgewechselt worden, meint er, die Leute davor mit Stoneface. Unser halbherziger Versuch ein schwules Pärchen zu spielen schlägt fehl. Schon witzig, der dicke Mensch vor uns mit blonder Perücke, Bierbauch, künstlicher Oberweite und steinerner Miene. Wir geben auf, versuchen’s gegenüber im EGO (nein, nicht das Ego-City). Der Name ist Programm. Drinnen bietet sich ein Schauspiel, das man vielleicht als ernst gemeinte Fastnacht beschreiben könnte. Glaubt’s oder glaubt’s nicht. Vielleicht noch ein Schuss Rokoko. Leute liegen rum, andere tanzen; Rauchverbot, die Kellner leeren ständig Aschenbecher. Alles ist erlaubt, alles passt, wir sind auf der Titanic.

Rückblickend fällt mir auf, weshalb ich mich mit Ziya auf Anhieb so gut verstand. Wir hatten wohl beide diesselbe Position bezogen: Wir haben hier noch unseren Spass und dann bye bye. Während meiner Zeit in Odessa war er wohl der einzige, bei dem ich das Gefühl hatte, mich frei bzw. ohne doublecheck unterhalten zu können. Trotzdem schafften wir beide es nicht, uns richtig zu besaufen, vielleicht zu viel Adrenalin. An meiner Alk-Toleranz kann’s kaum liegen. Normalerweise beginne ich nach zwei Mochitos plumpe Witze zu erzählen und nach vier ist definitiv Schluss. Als das EGO zumacht, ist die Sonne schon aufgegangen, wir beide aufgekratzt. Ziya will noch schwimmen gehen, lässt es dann aber doch bleiben.


I’m a simple man. I like my Daimler I need no yacht or airplane

Ãœber die nächste Begegnungen sollte ich eigentlich nicht zu viel berichten. Zu exponiert sind diese Personen und eine Beschreibung liesse klare Rückschlüsse auf deren Identität zu. Es gibt nun mal nicht so viele Löwen im Dschungel wie Hasen. Aber es scheint mir gewissermassen das Auge des Orkans zu sein. Deswegen trotzdem einige Worte dazu. Und es ist ist ja nicht so, dass sich diese grossen Tiere konsequent verstecken könnten oder wollten.

Ich stolpere in bester Tourimanier durch die Stadt, auf der Suche nach einem I-net Cafe. Ich frage zwei Passanten, X und Y nach dem Weg, es kommt zum Gespräch. In aller Kürze: ,,Ja, Odessa ist schön, schöne Frauen blabla. Klar kenne er Liechtenstein. ,,Good place for offshore banking. Important for betting companies.“ (Letzteres war mir bis anhin unbekannt.) Nachdem ich mich als Ex-Banker outete, funkelten Xs Augen. Wir gingen was trinken, Y musste weiter. Es war noch nicht Mittag, weswegen ich meinen Brand mit Ice Tea löschte. Mein Gegenüber sah tolerant darüber hinweg bestellte ein Bier nach dem anderen. Wir sprachen über dies und das, Odessa, Inflation, Korruption, meine Reise usw. Small Talk, vorsichtiges Abtasten. Zwei Hunde, die den Arsch des jeweils anderen beschnuppern. Wir verabschieden uns, wünschen uns ein schönes Leben.

Detail: Viele hier sagen bei der Verabschiedung ‚good luck‘. Ich habe diese Unsitte noch nicht übernommen und bleibe bei ‚bye bye‘ oder ‚take care‘.


Ok, nun wird's langsam schräg

Tagsdrauf, also am Samstag treffe ich X zufällig in der nähe meines Hotels, in einem ganz andern Teil der Stadt als am Vortag. Er wollte wohl gerade über die Strasse. Ich tippe ihn von hinten an, wir grinsen. Ich kenne ja nicht viele Leute hier in Odessa, etc. blabla. Wir gingen… ja was wohl? Natürlich! Es war gegen Mittag. Wir frassen und soffen wie die Könige, anders kann man’s nicht sagen. Etwa 15 Stunden am Stück. Einzige Pausen waren Standortveränderungen und für eine halbe Stunde ging ich ins Hotel für eine kalte Dusche, Rassur und überhaupt musste ich mir klar darüber werden, was eigentlich abgeht. Anfangs übten wir uns noch in gepflegter akademischer Konversation, es ging um Jazz und Religion, den Zusammenhang von Jazz und Religion, russische Literatur, Wittgenstein, natürlich Bakunin. Mir kam John Stewart in den Sinn: ,,I’m not an expert but this sounds like bullshit.“ Immer mehr Kumpels von X kamen dazu, wir holten Y ab. Es wurde mit Hundertern bezahlt (USD), ich versuchte gar nicht erst darauf zu bestehen mein Zeugs selber zu bezahlen.


Klar gibt es Zufälle

Irgendwann aus dem Nichts heraus, fragte X, ob ich einen Blog habe. Schneller Wechsel, zuvor ging’s noch um Korruption. Y hatte eine Karte von Transparency International auf dem Android, wo die korrupten Staaten rot sind und die anderen (was ist eigentlich das Gegenteil von korrupt?) blau. Es ging glaub’s um die Erklärung, weshalb es am Südpol keine Korruption gab, ob man dort Geschäfte machen könne und ob das jetzt die Arktis oder Antarktis sei. Ich referierte gerade, wie diese Erhebungen zustande kommen. Es war also schon Nachmittag und wir befanden uns im leicht fortgeschrittenen Stadium. Aber noch durchaus fit.

Am Vortag erwähnte ich gegenüber zwei blutjungen Ukrainern, dass ich gelegentlich blogge, allenfalls etwas über meinen Besuch in Odessa schreibe werde, natürlich nichts Politisches, es interessiere mich aber, wie sich der Krieg auf den Alltag der Leute hier auswirke. Einer zeigte mir Stolz seinen Touristenstempel von Vaduz in seinem Pass, ich freute mich natürlich. Die beiden seien eigentlich Lieutenants aber die Armeeführung traue ihnen nicht zu Leute zu führen usf. Eigentlich hatte ich ja vor, tunlichst zu vermeiden, dass ich als jemand wahrgenommen werde, der so etwas wie einen Standpunkt hat. Geschweige denn von bloggen zu reden. Ich wurde wohl nachlässig. Als der eine noch meinte, dass er im Osten wohne, nahe am Kampfgebiet, schlug ich sogar noch vor, dass er mir ruhig Material schicken könne, sollte er es hier mal nicht veröffentlichen können. Ãœberleitung auf Tor und Darknet. Eieiei.


Was ist eigentlich die klinische Definition von Paranoia?

X fragte mich also, ob ich blogge. Ich bejahe, er tippt gleich bonz.ch in seinen Gameboy – ein Leser mehr. Meine anderen Literaturvorschläge vor ein paar Stunden (Taleb und dergleichen) notiert er sich nicht. – Einerseits verständlich, andererseits scheint er zu wissen was gut ist.

Ums kurz zu machen: Ich war im illustren Kreis der Finanziers, Organisatoren und Sympathisanten von Maiden im Frühjahr angekommen, mit Y als zentraler Figur. Am frühen Nachmittag vertraten sie noch den Standpunkt, dass sie Sympathisanten seien. Da machte ich noch darauf aufmerksam, dass zentrale Figuren, Ressourcen und Organisation für eine Bewegung unabdingbar sei, bemühte sogar Lenins Konzept von der Revolutionären Avantgarde – freute mich ungemein, das gegenüber ehemaligen Sowjets zu erwähnen. Also eigentlich hätten sie zu diesem Zeitpunkt laut losgrölen müssen. Und eben am späteren Nachmittag dann sagte X in aller unmissverständlichen Klarheit, dass er und Y die Bewegung mit Geld und anderweitig untersützt hätten. Ach ja, Y, so erzählte mir X am Vortag gehöre zu den reichsten in […]. Nicht oberste Liga, es gebe da noch welche, die gar nicht mit Y sprächen, weil er dafür viel zu arm sei. Detail. Später ging’s dann runter in einen alten Sowjetbunker (schön kühl) mit ‚Hilfsgütern‘ für die Krim. W T F! Ich sah und hörte noch allerlei anderes Zeugs. (Ich möchte hier nicht wirklich alle Teile zusammensetzen, die obigen Titel erklären bzw. tippe ich das nicht vom Papier ab. Aber die meisten Teile sind da.)

Ok, natürlich können die mich auf den Arm genommen haben. Sei es zum Spass oder warum auch immer. Aber bei mir gabs absolut nichts zu holen und wenn, dann wär’s also wirklich ein verdammt aufwändiger Fake. Ich würd’s mal so formulieren: Man läuft nicht einfach so, Samstag abends hackedicht durch eine volle Fussgängerzone grölt ‚Puuutiiiin Chuuulooo‘ (Putin begattet seine Mutter von hinten) um einen dahergelaufenen Touri zu verarschen. Jedenfalls stieg ich merklich in ihrer Gunst, als ich sagte, dass ich schon wisse, was dies hiesse. – C hatte mir das am ersten Abend erklärt, nachdem wir einer Horde Hooligans begegneten. Diese hatten sichtlich mit Laufen mühe und brauchen mehrere Anläufe bis sie den Schlachtruf synchron hinkriegten. Apropos Hooligans: Diese sind in der Ukraine stramm nationalistisch, bekriegen sich zwar aufs Blut, aber wenn dieser Schlachtruf ertönt, wird's friedlich. Und grundsätzlich sind seien sie käuflich. Bitte selber weiterdenken…


So, jetzt geht's wirklich los

Zugegeben, ich war fasziniert und begeistert. Am Abend muss in meinen Adern pures Adrenalin geflossen sein. Anders kann ich es mir nicht erklären, weshalb ich überhaupt so lange mitsaufen konnte und noch mitbekam, was um mich herum abging. Wer mich kennt, wird bestätigen, dass ich ein Strich in der Landschaft bin. Meine neuen Kumpels dürften doppelt so viel auf die Waage gebracht haben. Bemerkung: Ich habe Politik studiert, Schwerpunkt Bürgerkriege, Revolutionen und Soziale Bewegungen. Dass ich hier mit Praktikern zusammensass, Strategien diskutierte, war für mich wie Weihnachten, Geburtstag und Zahltag zusammen. Was mir nicht einleuchten mag: Warum erzählen die mir das alles? Es ist ja nicht so, dass es sich um einen Turnverein handelt. Im Mai wurde deswegen getötet, so besoffen können sie doch nicht sein, ihre Deckung fallen lassen und davon ausgehen, dass das Pendel nicht zurückschlägt. Und man versucht auch nicht unbedingt jemanden aus dem Freundeskreis mit Wildfremden zu verkuppeln. Ich kenne hier niemanden, als ich hier ankam, hatte ich nicht mal einen Stadtplan oder Reiseführer. WAS GEHT HIER AB? Ok, zu diesem Zeitpunkt war mir das längst egal. Ich fühlte, dass das ganze schon in Ordnung geht, Worte scheinen hier eh nur eine kurze Halbwertszeit zu haben.


Nacht, wir sind wirklich in Form, es wird Klartext geredet

So. Obiges gibt im Prinzip den Kontext für das da. Ist mir klar, dass ich euch da gnadenlos überfahre, liebe Bonz-Leser. Es zwing euch auch niemand dazu weiterzulesen, weiter unten wird's kuschlig.[2]

1: Haha… you know where Janukovič is now?
CM: Yeah, Russia or so, no idea.
1: He’s a russian agent believe me.
CM: And Porošenko? Any better? What you do if he fux you the same way as Janukovič did?
1: You know he’s a manager. We need someone like him. He knows business. We need to do business. With the russians too… and with your country. We need rule by law, stop corruption, I would like to create jobs here.
CM: You are taking big risk by supporting someone you cannot control. Big costs and high risk. You personally and your people… what you do if he fux you the same way as Janukovič?
1: Then we need to go to Maidan again and kick him out like we did with Janukovič.
CM: So why don’t you take someone like 2? He is reliable, close o the people, not like the chocolate.
1: We need someone more powerfull, there is no other way…
CM: What will change? Just another candidate of the 30ties Club, another oligarch or puppet… chaos and corruption will grow even more.
1: Cidre or beer?

…

CM: … but you are aware that your support could fuel the bloodshed?! Provoking genozid etc. against your people in Crimea?
1: We call it help for minorities. They are our brothers. I told you about […]
CM: Yeah, but protecting by putting in danger?
1: What can we do? It’s about democracy, we can win, they are heros. What choice we have…


Kotzen vor Freude

Der Schwulenclub von nebenan scheint dicht gemacht zu haben und die Bewohner sind hier rüber gezogen. Im Ego ist der Unterschied zwischen Männlein und Weiblein kaum noch auszumachen. Ich philosophiere vor mich hin… Wie keine andere Bevölkerungsgruppe haben Schwule und Lesben Toleranz und bedingungsloser Respekt mit Löffeln gefressen, wie keine andere sind sie darauf angewiesen. Das EGO als Stammzelle der Demokratie und Freiheit. Demgegenüber steht die Möglichkeit, dass der Laden von Hooligans gestürmt wird und samt Inventar und Gästen zu Kleinholz verarbeitet wird. Aber die Hooligans sind mit den russischen Sympathisanten beschäftigt.

Es ist wieder hell als ich aus dem EGO komme. Wir verabschieden uns, eine ruft ‚peace‘ hinterher. Es ist das erste Mal, dass ich diesen Begriff auf meiner Reise gehört habe. Auf dem Weg ins Hotel sehe ich, wie etwas mit Kreide auf den Boden geschrieben ist. ,,Look at me with all your hate – I’m the one which has no shame – Some day you can be like me – break the laws of sanity.“ Ich könnte kotzen vor Freude.

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Einordung

Festen Boden unter den Füssen, meine Geschichte kommt mir unwirklich vor. Zum Schluss eine Einordnung: Odessa ist eine Stadt in der Ukraine. Die Ukraine ist ein Krisenherd. Es gibt reichlich weitere. Gerüchte sind Teil von Kriegen. Krieg ist Täuschung. In Odessa gab es bis jetzt, je nach Quelle um die 40 Tote deswegen. Und dies im Mai. Dies ist nicht viel. Gerüchte stellen sich oft als falsch heraus. Ich spreche hier von Geschichte, weil sich Erlebnisse schlecht festhalten lassen, bestenfalls ein systematisches Kratzen an der Oberfläche. Ich bin eher der stochastische Typ Mensch. Die Wahrscheinlichkeit, dass am Gerücht vom 18. August was dran ist, schätze ich auf um die 10% ein. Ich konnte diesbezüglich nicht alles posten, habe mir das gründlich überlegt. Ich mache mir Sorgen um die Leute dort. Dass ich es mit führenden Personen der Maidanproteste zu tun hatte, schätze ich auf 90%.

Ohne Emotionen und Betroffenheit analysiert es sich leichter, entschieden leichter. Vielleicht ist diese Geschichte auch ein Abbild dieser Tatsache. Odessa ist eine multi-ethnische, strategisch interessant gelegene Stadt. Käme es dort zum Worst Case, glaube ich nicht, dass es sich auf die Stadt beschränken würde. Ich würde wieder gehen, keine Frage. Allenfalls mit der Nummer oder Adresse von CH-Konsulat in der Tasche. Die Sache ist einfach, dass man als Touri als letzter etwas mitbekommt und als erster unter die Räder kommt, sobald die Scheisse auf den Ventilator trifft. Die Sache ist unberechenbar, Prognosen bleiben Prognosen.

Die Leute von denen ich berichtete, würde ich unter anderen Umständen als meine Freunde bezeichnen, ohne Ausnahme, selbst wenn einige davon unter hiessigen Massstäben als Bestien gelten würden. Eine Bestie die Schutz bietet, ist ein Freund. Umstände machen Menschen zu Bestien und Bestien machen Umstände. Wir sollten uns wirklich bemühen und aufeinander aufpassen.

Odessa/Kiev/Zürich
[Der Verfasser dieses Blogposts möchte anonym bleiben. Bei Interesse stellen wir Kontakt her.]
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[1] Das ist keine politische Analyse sondern ein Blogpost, ich bin keine Nachrichtenagentur. Es ist auch kein Spasspost.

[2] Meine lieben Freunde in der Ukraine, seid mir nicht böse, dass ich hier etwas plaudere und ihr das in die Finger bekommt solltet. Zufällig natürlich. Das meiste ist eh allgemein bekannt. Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich in diesen Dingen nur bedingt eurer Meinung bin. ,,Power to the people. Power needs to be shared. Nations tear people apart. People need to unite nations.“ Ich habe das seit Sonnenuntergang in allen erdenklichen Variationen wiederholt. Es gibt kleinere Ãœbel und grössere. Ich Kriegstourist bin wirklich der Letzte, der das Recht zum Moralisieren hat. Eurem Marketing wird das nicht schaden, keine Sorge. Eigentlich will ich nur zeigen, was für ein verdammtes Drecksgeschäft diese Politik ist. Im Grundsatz sind wir uns ja einig, dass die roten Gebiete blau werden sollten.

Crisis Management

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