(Re-)Lektüre: Beat Hüppin: Talwasser

Stauseen sind in der Schweizer Literatur ein wiederkehrendes Thema. Ganz unterschiedliche Schriftsteller wie Jakob Bosshart (Heimat, 1913), Meinrad Inglin (Urwang, 1954), Walter Matthias Diggelmann (Die Jungen von Grande Dixence, 1959), Walter Kauer (Spätholz, 1976), Dominik Bernet (Marmorera, 2006), Urs Augstburger (Graatzug, 2007; Wässerwasser, 2009) haben sich in literarischen Texten mit ihnen auseinandergesetzt. Mit seinem ‚historisch-realistischen’ Erstlingsroman Talwasser reiht sich der Ausserschwyzer Beat Hüppin in die illustre Autorenschar ein.

Historisch ist Hüppins Roman, weil er die sich in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts abspielende Geschichte des Stauseebaus im Wägital erzählt und zeitgeschichtliche Kontexte – insbesondere, deren Wirkungen auf das Lokale – wie den Ersten Weltkrieg, die Spanische Grippe – die im seinerzeit verkehrstechnisch abgelegenen Tal ihre Opfer fordert – bis hin zum Zweiten Weltkrieg (polnische Kriegsinternierte leisten Arbeit als Knechte; Réduitbaumassnahmen verunstalten die Landschaft; die Staumauer wird militärisch geschützt) in die Romanhandlung einwebt.

Realistisch ist der Roman, weil die im Verlauf der historisch verankerten Handlung stattfindenden Ereignisse weitestgehend wahrscheinlich sind; aufgrund der namentlich gesetzten realen Örtlichkeiten, deren kenntnisreich vollzogene Verknüpfung der Leserschaft ein Bild der Landschaft vermitteln. Des weiteren, weil in die Figurenreden immer wieder Mundartworte einfliessen und Phantastisches – wie etwa der Einbezug von lokalen Sagen – zwar vorkommt, allerdings vor Allem im Modus von Träumen und (krankheits-, verletzungs- und extremsituationsbedingten) Visionen der Figuren Platz findet. Darüber hinaus entnimmt Hüppin einige – teilweise etwas schemenhaft wirkende – Nebenpersonen, mit welchen die Hauptfiguren der fiktiven Grossfamilien Dobler und Schnyder Umgang pflegen, der „historischen Realität“.

Beispiel eines Wirklichkeitsbruches: eine apokalyptische Vision mit tödlicher Folge.

Echoräume

Aufgrund der zahlreichen intertextuellen Konstanten (Motive, etc.), die in den oben genannten Texten auszumachen sind, ist man beinahe versucht, ein Genre der „Stauseeliteratur“ auszurufen. So sind etwa die Problematiken, die aus dem Themenkomplex des technischen Fortschritts resultieren in all den genannten Texten präsent.
Einerseits ist da die Faszination, insbesondere was den Gigantismus der entstehenden Stauwerke samt ihrer positiven Möglichkeiten für die ‚fortschrittsgläubige Gesellschaft’ anbelangt, andererseits die damit einhergehende Zerstörung der Natur, und der unumgängliche Heimatverlust der ansässigen Bauern sowie die Veränderung ihrer Lebensweisen, die von den Autoren immer wieder thematisiert werden.

Faszinosum: „die höchste Gewichtsstaumauer der Welt.“

In einigen Passagen – insbesondere im ersten Teil – „echoet“ Meinrad Inglins Urwang in Hüppins Roman hinein. So zum Beispiel auf engstem (Text-)Raum gleich doppelt in der Aussage des per Naue aus dem im steigenden Stauseewasser stehenden Familienanwesen evakuiert werden müssenden Familienoberhauptes:

«Hier bin ich geboren, hier sterbe ich auch», entgegnete er, «einen alten Baum pflanzt man nicht mehr um.»

Ebenfalls wird die Vermutung des Schriftstellers Emil Zopfi, wonach Meinrad Inglin bei der Schöpfung seiner vergleichsweise spärlich besiedelten fiktiven Talwelt das Wägital vor Augen hatte in Talwasser unterstrichen, wenn Hüppin eingangs seines Romans bei der Beschreibung des Tales die Raummarkierungen Aa und die überdachte Holzbrücke erwähnt; beide sind in Inglins – auch heute noch lesenswertem – Roman von zentraler Bedeutung.
Talwasser als blosse Nacherzählung von Urwang (dessen Handlung im Übrigen auch erst in den 50er-Jahren spielt) zu bewerten, würde dem Roman von Beat Hüppin allerdings nicht gerecht werden – von einer Fortschrift zu sprechen, vielleicht eher, da der Erzählrahmen zeitlich viel weiter gespannt ist und nicht mit dem Stauseebau, woran die erwachsenen Abkömmlinge der Bauernfamilien als Arbeitskräfte biographieprägend involviert sind, endet, sondern die bei Inglin noch unerzählt gebliebene Zukunft der umgesiedelten Bauernfamilien konkretisiert. Neben dem Widerwillen und der nostalgischen Reaktion der alten Bauersleute auf den Verlust ihrer Heimat, rückt in Talwasser die Generation der heranwachsenden Nachkommen – die in 1890er-Jahren geboren werden – in den Vordergrung, deren Reaktionsweisen vergleichsweise pragmatischer ausfallen.

Verlorene Heimat

Obgleich im zweiten Teil des Romans der Stausee einem „Fait accompli“ entspricht, bleiben die umgesiedelten Mitglieder der Familie Dobler mit ihrer umgestalteten Heimat verbunden. Unterschiedliche Gründe veranlassen die Figuren im Verlauf der Jahre immer wieder ins Wägital zurückzukehren. So wird die sich im Familieneigentum befindliche Alp Zindlen weiterhin bewirtschaftet. Als Chauffeur eines Postautos, welches die Postkutsche ersetzt, fährt der Doblersohn Kari die Kursstrecke ins Tal regelmässig. In der neugebauten Kirche findet sowohl der Begräbnisgottesdienst zu Ehren des verstorbenen Familienoberhauptes als auch eine Hochzeitsfeier statt. Leid- und Hochzeitsmahl werden im „Gasthaus zum Stausee“ eingenommen. Ein Vertreter der jüngsten Generation, der das Leben seiner Vorfahren im alten Wägital bereits nurmehr aus Erzählungen kennt, entdeckt in der unversehrt gebliebenen Bergwelt seine Passion für den Klettersport.

Im Auftrag der Krafwerksgesellschaft erbaut: Neu-Innertal.

Weniger ein Engagement gegen Stauseebauten als vielmehr die Vergegenwärtigung der Geschichte steht in Hüppins Roman im Zentrum. Die veränderte Perspektive, die in etwa auch derjenigen der heutigen Leserschaft entspricht, findet sich (prophetisch) in folgender Figurenrede:

«Das ist schon eine verrückt schöne Landschaft hier. Der See ist wirklich hübsch, und doch bedeutete er den Untergang all dieser Heimwesen. Vielleicht wird man in vierzig, fünfzig Jahren gar nicht mehr daran denken. Schon für die nächste Generation wird es selbstverständlich sein, dass es hier einen See gibt und nicht mehr Häuser und Menschen.»

Unter dem Titel „Asphalt“ wird im April die Forsetzung des Romans erscheinen. Im Zeichen des technischen Fortschritts wird sich, wie in Talwasser vorweggenommen wird, erneut ein ‚Heimatverlust‘ ereignen:

Hätte er gewusst, dass kaum ein halbes Jahrhundert später mitten durch dieses weite, topfebene Land eine vierspurige Autobahn führen würde, für deren Erstellung sein Nachfolger würde enteignet werden müssen, wäre der Landerwerb für ihn nie und nimmer in Frage gekommen.

…bis dahin verbleibt noch genügend Zeit, um den Erstling zu lesen:

Beat Hüppin: Talwasser. Roman. 302 Seiten. Zytglogge Verlag, 2016. sFr. 32.- / € (D) 32.- ISBN 978-3-7296-0909-9

n.n.m.s.

Kompost und Komposita.

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