(Re-)Lektüre|Jürg Halter: Erwachen im 21. Jahrhundert.

Erwachen im 21. Jahrhundert:

Auf die Widmung – „Für die, die widerstehen.“– folgt ein vielstimmiges Mottogewimmel, das als sinnbildlich für die Kakophonie unserer Epoche bezeichnet werden darf – es liest sich wie die Timeline eines kuriosen Twitteraphorismenaccounts, welcher Konzernslogans neben literarische Sinnsprüche stellt; es herrscht ein wirres Neben- und Durcheinander im kapitalistischgeprägten ‚MESS AGE’.

Sodann, der Handlung vorangestellt, lässt Jürg Halter die Leserschaft sehr nahe an seinen Romanprotagonisten, den Schriftsteller Kaspar heranrücken. Wir lesen – weil dieser Kaspar es auch tut – ein nicht abgeschicktes, an seine verschollene grosse Liebe Josephine gerichtetes Brieffragment, bei welchem es sich um eine intime Selbstbeschreibung, ein autobiographisches Porträt, handelt. Der Effekt: Die Leserschaft wird quasi in den Status eines Voyeurs versetzt, indem sie dieses private, für zwei Augen bestimmte Schreiben mitliest. Der Protagonist hingegen wird von Beginn weg von seiner verletzlichen Seite gezeigt – Kaspar ist kein Held.

Aus dieser biographischen Skizze erfahren wir grosso modo, um wen es sich handelt: Der Zufall der Geburt liess ihn anfangs der 80er-Jahre in der Schweiz, also gleichsam am wohlbehüteten Strande des Weltgeschehens, aufwachsen, und zum Einzelgänger und – über Umwege – zum Schriftsteller werden. Es scheint mir nicht falsch, in Kaspar einen Stellvertreter der sog. Millenials zu erkennen, die im wohlbehüteten Konsumismus aufgewachsen, durch Aufklärung und Bildung angesichts des Weltzustandes zusehends desillusioniert werdend, nach künstlerischem Ausdruck streben und nach gesellschaftlichen Alternativen suchen.

Wenn auch in vielerlei Hinsicht mit seinem ‚Schöpfer’ verwandt, so ist doch Kaspar nicht bloss ein ‚Halter-Ego‘, sondern ein Anderer. „Die Anderen“ so nennt sich jene konspirative (revolutionäre) Gruppe, der er sich am 27. Juni 2018 in Brest anschliessen will. Ob und wie es ihm gelingt und was daraus hervorgeht, fällt aus dem Rahmen der Handlung, seine Spur verliert sich, verdichtet sich vorher noch einmal – ‚altmedial’ – in einem Brief an Josephine.

Doch vor diesem Auf- und Ausbruch liegt die intensive Nacht, die in Kaspars „Wohnung im vierten Stock eines Hauses mitten in Europa“ spielt. Es ist eine Nacht des Wahnsinns, die der Protagonist durchwacht: Uhrzeitverankert,  wechseln sich Wachtraumepisoden, Fantastereien, anekdotenreiche Erinnerungen und mediale Streifzüge ab. Auch Kaspar – ganz Gegenwartsfigur – hängt als (post-)moderner Mensch wie die Spinne am Netz und ist mit den globalen Informations- und Kommunikationsströmen per Rechner verbunden.

Neben den Erlebnissen werden verschiedene Texte der Schriftstellerfigur in die Handlung montiert: So etwa ein paar süffisante Autorenporträts, ein kapitalismuskritischer Essay, eine Kurzgeschichte über die Dekadenz des gegenwärtigen Kunstmarkts, ein Drehbuch etc. Die Rahmenhandlung – die Enge der Wohnung – wird durch diese Texteinschübe immer wieder durchbrochen, die unerbittlich fortschreitende (Uhr-)Zeit bis zum Aufbruch wird ausgedehnt, ja, pausiert gar beinahe.

Es ist ein gelungener Roman voller Weltsorge und Melancholie, nicht aber ohne Hoffnung – ein passagenweise phantastisches Mahnstück, in dem da und dort auch Humor und Komik aufblitzen ohne dabei von der gewichtigen Botschaft, dem Plädoyer für die Rettung des Humanismus durch persönliches und kollektives Engagement, abzurücken. Bedeutet dies für Kaspar den radikalen Bruch mit seiner (bürgerlichen) schriftstellerischen Existenz, so bleibt uns doch zu hoffen, dass sein Erfinder, Jürg Halter, auf seinem angetretenen Weg fortschreibt.

Jürg Halter: Erwachen im 21. Jahrhundert. Roman. 272 Seiten. Zytglogge Verlag, 2018. CHF 29.00 / EUR 26.00

ISBN 978-3-7296-0999-0

n.n.m.s.

Kompost und Komposita.

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