Konzertbericht: Alligatoah in Stuttgart

Samstag Abend, Stuttgart. Ich sitze auf dem Boden der Hanns-Martin-Schleyer-Halle. Wir quatschen, die Stimmung ist etwas komisch wie meistens kurz vor Beginn eines Konzerts. Das Licht geht aus, wir stehen auf und der „Vor-Rapper“ Dazzle versucht für eine Weile sein bestes das Publikum aufzuheizen. Dann ist seine Zeit up, und es wird wieder dunkel in der Halle. Einige Momente vergehen, dann öffnet sich der Vorhang und direkt hinter mir kreischen zwei Fangirls ihr Entzücken direkt in mein Hirn. Dieses reagiert mit: „Wie bin ich denn hier gelandet?“

Sonnenblumen, Drogen und Terroristen

Doch der Gedanke stellt sich bald als müssig dar. Das Konzert reisst mit und begeistert. Kennt man die Texte nicht, lehnt man sich zum Fan zur linken Seite, die man begleitet hat, hört etwas hin und „singt“ beim nächsten Refrain mit. Fehler inklusive.

Alligatoah ist ein Künstler. Das drückt sich nicht zuletzt im Bühnenbild der „Wie Zuhause“-Tour aus das wie eine Theaterkulisse daherkommt. Zu jedem Lied, manchmal auch mittendrin wechselt man in ein anderes Zimmer des „Hotel Kalliforniah“. Zu jedem Song gibt es von der Band und Alli amüsante Momente die teilweise mit Requisiten aufgepeppt werden zu beobachten. Wer nicht gut aufpasst verpasst wahrscheinlich all die kleinen Details die oft zu den Texten passen.

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Das Hotel Kalliforniah – Quelle: alligatoah.de

Aber seine künstlerische Ader drückt sich natürlich umso stärker in seinen Songs aus. Wie er selbst zynisch bemerkte: „Ihr wollt alle ironische 6-Minuten Songs mit jazzigen Einlagen und ohne richtigen Refrain“. Diese Bemerkung kam nachdem er einen Song gespielt hatte, den er sich beim Publikum erbettelte: „Willst du“ (mit mir Drogen nehmen), den Chartserfolg den fast jeder schon einmal gehört hat. Er erzählt dass er den Song unbedingt spielen möchte, obwohl ihn das Publikum ja nicht möge. Dabei trieft er förmlich vor Ironie und zaubert jedem Besucher der das Phänomen der „Must-Play-Songs“ kennt ein Grinsen aufs Gesicht.

Die Texte sind voll mit cleveren Wortspielen und Doppeldeutigkeiten und grösstenteils gesellschaftskritisch. Die Wortspiele gibt es in sehr offensichtlicher Form wie zum Beispiel bei „Du bist schön“:
Du bist schön, aber dafür kannst du nichts
Weder Lesen, noch Schreiben, noch was anderes
Du bist schön, aber dafür kannst du nichts
Du kannst nicht mal was dafür, dafür kannst du nichts

Aber auch pointiertere und besser versteckte Andeutungen finden sich in den Lyrics. Das Kunststück dabei ist dass fast alle seiner Songs trotz (oder gerade wegen?) dieser Spielereien unendlich mitsingbar sind. Die Refrains drängen sich auch noch Tage später als Ohrwürmer ins Bewusstsein.

Wie viele der Fans die cleveren Texte verstehen und zu schätzen wissen, und wie viele Fans den Sinn komplett verpassen und „nur“ die Musik geniessen bleibt aber offen.

Zu Dazzle, dem „Vor-Rapper“ muss man noch erwähnen dass zumindestens seine ersten zwei Songs sehr gut waren. Dass das Publikum nicht mitmachte war zwar schade, aber für mich nicht unerwartet. Sie waren für ihren Star da.
Etwas befremdlich war aber sein Beitrag zum Bühnenbild – eine Bombe die hochgehen sollte wenn sein Auftritt zu Ende ist. Das tat sie dann auch irgendwie, aber absolut unspektakulär und nicht wie zuerst angenommen als direkte Überleitung in die Hauptshow.

From Lucerne to Stuttgart

Die abschliessende Frage aus dem ersten Absatz ist allerdings auch nicht überflüssig. Vor dem Trip hätte ich mich definitiv nicht als Fan von Alligatoah bezeichnet. Ich hatte in Vorbereitung etwas 20 Songs gehört und fand ihn „gut“. Mehr oder weniger unbelastet ging ich das Risiko ein und hörte die meisten Songs zum allerersten Mal live. Ich begleitete mehr oder weniger spontan ein selbsternanntes Fangirl als „Ersatz“. Dank langen Gesprächen im Zug und beim Warten, sowie dem genialen Konzert war Stuttgart definitiv die Reise wert.

So bleibt ein klischeehaftes Resumée: Für neue und etwas verrückte Erfahrungen offen zu sein lohnt sich meistens.


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