SoundCloud hat sich verändert. Wer die Plattform noch aus den frühen Jahren kennt, verbindet sie vielleicht vor allem mit unbekannten Künstlern, Remixes, DJ-Sets und Musik, die man auf den großen Streamingdiensten kaum gefunden hat. Genau diese besondere Mischung macht SoundCloud auch heute noch interessant.
Gleichzeitig fühlt sich die Plattform inzwischen deutlich stärker wie ein kommerzieller Streamingdienst an. SoundCloud wird professioneller, umfangreicher und innovativer – aber auch die Werbung nimmt spürbar mehr Raum ein.
SoundCloud entdeckt seine eigene Stärke neu
Während Spotify, Apple Music und YouTube Music vor allem auf den großen Musikkatalog und personalisierte Playlists setzen, besitzt SoundCloud eine besondere Stärke: die Community der Künstler und DJs.
Auf SoundCloud findet sich vieles, was auf klassischen Streamingplattformen weniger präsent ist: lange DJ-Mixes, Remixes, Bootlegs, elektronische Musik, experimentelle Produktionen und frühe Versionen von Songs.
Gerade bei elektronischer Musik kann die Plattform dadurch fast wie ein riesiger digitaler Plattenladen wirken. Ein Mix führt zum nächsten Künstler, ein Remix zu einer völlig neuen Version eines bekannten Tracks.
Diese Entdeckungsfunktion ist vielleicht sogar wichtiger geworden als die reine Frage, wie viele Millionen Songs eine Plattform anbietet.
Mehr als nur einzelne Songs
SoundCloud baut seine Plattform gleichzeitig immer stärker rund um Künstler und Fans aus.
2026 kündigte das Unternehmen unter anderem sogenannte „Follower Exclusive Releases“ an. Künstler können ihren Followern damit frühzeitig Zugang zu bestimmten Veröffentlichungen geben. Außerdem arbeitet SoundCloud mit Twitch an der Performance-Reihe „SoundCloud Sessions“.
Das zeigt eine interessante Entwicklung: SoundCloud möchte nicht einfach nur ein weiterer Ort sein, an dem Musik abgespielt wird.
Die Plattform versucht vielmehr, eine Verbindung zwischen Künstlern, Fans, Live-Performances und Community aufzubauen.
Auch der jüngste Schritt in Richtung Direktverkauf passt dazu. Ende August 2026 kündigte SoundCloud direkte Musikkäufe ohne Provision für Künstler an.
Damit wird SoundCloud zunehmend zu einer Plattform, auf der Künstler nicht nur ihre Musik veröffentlichen, sondern auch direkt mit ihrem Publikum interagieren und Geld verdienen können.
Besonders interessant für DJ-Mixes
Für Hörer ist aber etwas anderes entscheidend: SoundCloud macht weiterhin Spaß.
Gerade wer nicht immer nur die gleichen Spotify-Playlists hören möchte, findet hier eine enorme Menge an DJ-Sets und längeren Mixes.
Das verändert auch die Art, wie Musik entdeckt wird. Statt einen einzelnen Song nach dem anderen abzuspielen, kann man einen einstündigen oder noch längeren Mix laufen lassen und dabei zahlreiche neue Künstler kennenlernen.
Für elektronische Musik, House, Techno, Ambient, Hip-Hop oder experimentelle Genres ist dieses Konzept besonders attraktiv.
SoundCloud fühlt sich dadurch teilweise weniger wie eine klassische Musikbibliothek und mehr wie ein permanenter Radiosender an, der von Millionen verschiedener Menschen betrieben wird.
Doch dann kommt die Werbung
Genau hier beginnt allerdings das Problem.
Je stärker SoundCloud kommerzialisiert wird, desto häufiger wird der Nutzer mit Werbung konfrontiert. Was früher sehr direkt und unkompliziert wirkte, kann inzwischen deutlich stärker nach einem klassischen werbefinanzierten Streamingdienst aussehen.
Das ist wirtschaftlich nachvollziehbar.
Server, Lizenzen, Mitarbeiter, Künstlervergütungen und die Weiterentwicklung der Plattform kosten Geld. SoundCloud muss Einnahmen erzielen. Werbung ist dafür ein naheliegendes Instrument.
Für den Nutzer entsteht allerdings ein unangenehmer Zielkonflikt.
Denn gerade die Stärke von SoundCloud war lange die unmittelbare Verbindung zur Musik. Man suchte einen Mix, klickte auf Play und war unterwegs.
Wenn zwischen der Musik zunehmend Werbung auftaucht, verändert sich dieses Erlebnis.
Die entscheidende Frage lautet: Wie viel Werbung ist zu viel?
SoundCloud befindet sich damit in einer ähnlichen Situation wie viele andere digitale Plattformen.
Mehr Nutzer bedeuten höhere Kosten. Mehr professionelle Künstler bedeuten höhere Anforderungen. Neue Funktionen müssen finanziert werden. Gleichzeitig erwarten Nutzer möglichst niedrige Preise oder sogar kostenlose Angebote.
Die Versuchung ist deshalb groß, immer stärker zu monetarisieren.
Doch SoundCloud sollte vorsichtig sein.
Denn die Plattform lebt nicht nur von ihrem Musikkatalog. Sie lebt von ihrer Atmosphäre.
Ein großer Teil des Reizes besteht gerade darin, dass SoundCloud anders ist als Spotify.
Wenn die Plattform irgendwann zu stark wie jeder andere Streamingdienst funktioniert, könnte sie einen Teil ihres wichtigsten Alleinstellungsmerkmals verlieren.
SoundCloud könnte 2026 interessanter sein als seit Jahren
Trotz dieser Kritik ist die Entwicklung bemerkenswert positiv.
SoundCloud investiert weiter in Künstler, Community und neue Formen der Musikentdeckung. Der Music-Intelligence-Report des Unternehmens beschäftigt sich beispielsweise damit, wie neue musikalische Szenen entstehen, noch bevor sie zum Mainstream werden.
Das passt hervorragend zur ursprünglichen DNA der Plattform.
SoundCloud war immer besonders interessant, wenn es darum ging, Musik vor dem Mainstream zu entdecken.
Und genau darin könnte auch die Zukunft liegen.
Spotify ist hervorragend, wenn man einen bekannten Künstler hören möchte. YouTube ist unschlagbar bei Videos. TikTok bestimmt zunehmend, welche Songs viral gehen.
SoundCloud kann dagegen der Ort sein, an dem man entdeckt, was als Nächstes interessant werden könnte.
Werbung ist das größte Risiko
SoundCloud wird also tatsächlich attraktiver – und gleichzeitig nerviger.
Mehr Mixes, mehr Künstler, bessere Möglichkeiten für Fans, neue Funktionen und neue Wege für Musiker, ihre Arbeit zu präsentieren: Das alles spricht für die Plattform.
Doch jede zusätzliche Werbeunterbrechung kostet ein kleines Stück der besonderen SoundCloud-Erfahrung.
Die Herausforderung für das Unternehmen besteht deshalb nicht darin, möglichst viel Werbung unterzubringen.
Die Herausforderung besteht darin, die richtige Balance zwischen Monetarisierung und Nutzererlebnis zu finden.
Denn SoundCloud hat etwas, das viele Streamingdienste nur schwer kaufen können: eine eigene Kultur.
Und genau diese Kultur könnte langfristig wertvoller sein als jede zusätzliche Werbeeinblendung.

