The First Island Chain: Nicht-NATO-Staaten im Schachspiel gegen China

Die sogenannte First Island Chain zieht sich von Japan über Taiwan, die Philippinen und Borneo bis hin zu den Gewässern vor Vietnam. Dieses geografische Band aus Inseln und Küstenstaaten ist weit mehr als nur eine geostrategische Linie auf der Karte. Sie gilt als erste Verteidigungslinie, die China in seiner maritimen Expansion begrenzt, insbesondere im Ost- und Südchinesischen Meer. Während die USA seit Jahrzehnten eine Schlüsselrolle spielen, wird oft übersehen, dass zahlreiche Nicht-NATO-Staaten selbst tragende Säulen dieses Systems bilden – mit eigenen Interessen, Ängsten und Strategien.

Japan nimmt dabei eine Sonderrolle ein. Zwar ist das Land ein enger Partner der USA, doch nicht Mitglied der NATO. Mit den Ryūkyū-Inseln, zu denen auch Okinawa zählt, kontrolliert Japan wichtige Seewege, die die chinesische Marine auf ihrem Weg in den Pazifik passieren müsste. Der Inselstaat investiert massiv in seine Selbstverteidigungskräfte, stationiert Raketenabwehrsysteme und baut die Präsenz im Südwesten aus, um auf mögliche Konflikte um Taiwan oder im Ostchinesischen Meer vorbereitet zu sein.

Taiwan wiederum ist das Herzstück der First Island Chain. Aus chinesischer Sicht gilt die Insel als „abtrünnige Provinz“, deren Rückkehr unverzichtbar sei. Doch in geopolitischer Realität blockiert Taiwan mit seiner Position den freien Zugang der chinesischen Marine zum offenen Pazifik. Ohne Taiwan wäre die First Island Chain durchbrochen, weshalb die Insel sowohl für die regionale Sicherheit als auch für die USA von unschätzbarem Wert ist.

Die Philippinen spielen als südlicher Anker der Kette eine zunehmend aktivere Rolle. Nach Jahren einer ambivalenten Haltung unter Präsident Duterte haben sie ihre Sicherheitskooperation mit den USA wieder intensiviert. Gleichzeitig verfolgen sie aber eine eigenständige Politik, die auf der Verteidigung von Hoheitsrechten im Südchinesischen Meer basiert. Besonders die Auseinandersetzungen um die Spratly-Inseln und den Scarborough Shoal zeigen, wie Manila versucht, chinesischen Expansionen nicht allein mit Diplomatie, sondern auch mit juristischen Mitteln und verstärkter militärischer Präsenz entgegenzutreten.

Auch Vietnam gehört faktisch zur First Island Chain, obwohl es historisch ein kompliziertes Verhältnis zu den USA pflegt. Hanoi sieht sich durch die Territorialkonflikte im Südchinesischen Meer direkt bedroht und investiert seit Jahren in die Modernisierung seiner Marine. Kooperationen mit Indien, Japan und den Philippinen zeigen, dass Vietnam zunehmend multilaterale Ansätze verfolgt, um Pekings Einfluss einzudämmen.

In der Gesamtschau wird klar, dass die First Island Chain keineswegs nur ein amerikanisches Projekt ist. Vielmehr handelt es sich um ein loses Netzwerk von Staaten, die – ohne NATO-Mitgliedschaft – eigene Verteidigungsstrategien entwickeln und dabei oft widerwillig, aber pragmatisch auf US-Unterstützung zurückgreifen. Die Dynamik dieses Systems zeigt, dass geopolitische Bündnisse nicht immer formelle Strukturen benötigen. Was die Staaten der First Island Chain eint, ist die gemeinsame Sorge vor einer maritimen Dominanz Chinas, die ihre Souveränität und Handelswege bedrohen könnte.

Am Ende bleibt die Frage offen, wie stabil dieses Geflecht aus Interessen wirklich ist. Denn während es im Moment wie ein Schachspiel wirkt, bei dem China auf Abstand gehalten wird, genügt schon ein falscher Zug oder ein innenpolitischer Wechsel in einem der Inselstaaten, um das fragile Gleichgewicht ins Wanken zu bringen.

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