Vinyl ist zurück: Warum die Schallplatte trotz Streaming weiter wächst

Streaming hat die Musikindustrie grundlegend verändert. Musik ist heute praktisch überall verfügbar, jederzeit abrufbar und oft günstiger als ein einzelnes Album. Trotzdem erlebt ausgerechnet ein Medium, das viele schon für tot erklärt hatten, weiterhin Wachstum: die Schallplatte.

In Deutschland legte der Vinyl-Absatz im ersten Halbjahr 2026 um 9,8 Prozent zu. Damit kommt die Schallplatte inzwischen auf 47,8 Prozent des physischen Musikmarkts. Die CD liegt zwar noch knapp davor, ihr Wachstum fällt mit 0,8 Prozent aber deutlich geringer aus.

Das Interessante daran: Vinyl wächst nicht in einem schrumpfenden Gesamtmarkt. Auch der physische Musikmarkt insgesamt konnte im ersten Halbjahr 2026 um 5,3 Prozent zulegen.

Streaming dominiert – Vinyl verschwindet trotzdem nicht

Der Blick auf den gesamten Musikmarkt zeigt allerdings, wie stark sich das Kräfteverhältnis verändert hat. 84,4 Prozent der Branchenerlöse stammen inzwischen aus Streaming. Abonnements und werbefinanzierte Streamingangebote legten im ersten Halbjahr nochmals um 5,5 Prozent zu.

Die Schallplatte ist damit keineswegs eine Alternative zum Streaming im klassischen Sinn. Vielmehr scheint sie eine andere Funktion zu erfüllen.

Streaming ist praktisch. Vinyl ist dagegen etwas, das man besitzt.

Ein Album auf Schallplatte ist ein physischer Gegenstand, häufig mit großem Cover, Booklet und zusätzlichem Artwork. Wer eine Platte kauft, entscheidet sich nicht nur für Musik, sondern auch für ein Stück Kultur, Design und Sammlung.

Die Schallplatte ist mehr als Nostalgie

Die einfache Erklärung lautet häufig: Vinyl ist Nostalgie. Das dürfte allerdings zu kurz greifen.

Gerade jüngere Musikfans sind mit Streaming aufgewachsen. Für sie ist die Schallplatte kein verlorenes Medium aus ihrer Kindheit. Sie entdecken sie vielmehr als etwas Neues.

Das kann erklären, warum Vinyl auch dann interessant bleibt, wenn die Musik längst digital verfügbar ist.

Ein Album kann beispielsweise morgens über Spotify oder einen anderen Dienst gestreamt und abends trotzdem als Schallplatte gekauft werden. Die beiden Formate müssen sich also nicht gegenseitig ausschließen.

Vielleicht ist genau das einer der interessantesten Aspekte der aktuellen Entwicklung: Die digitale und die analoge Musikwelt existieren zunehmend nebeneinander.

Fast jede zweite physische Veröffentlichung ist Vinyl

Mit einem Anteil von 47,8 Prozent am physischen Musikmarkt ist die Schallplatte inzwischen bemerkenswert nah an der CD.

Sollte sich die Entwicklung fortsetzen, könnte Vinyl bei den physischen Tonträgern irgendwann die CD überholen. Im ersten Halbjahr 2026 liegt die CD zwar noch vorne, ihr Vorsprung wird aber kleiner.

Dabei geht es längst nicht mehr nur um alte Rock- und Popklassiker. Neuerscheinungen werden regelmäßig gleichzeitig digital und auf Vinyl veröffentlicht. Für Künstler und Labels gehört die Schallplatte damit wieder selbstverständlich zum Produktangebot.

Auch für Musiker wird Vinyl interessanter

Für Musiker hat ein physisches Album eine Funktion, die ein einzelner Streaming-Play nicht erfüllen kann.

Eine Schallplatte kann direkt beim Konzert verkauft werden, im eigenen Online-Shop angeboten werden oder Teil einer limitierten Edition sein. Für kleinere Künstler kann das eine zusätzliche Einnahmequelle und gleichzeitig eine Möglichkeit sein, eine engere Verbindung zum Publikum aufzubauen.

Das gilt besonders für Genres, in denen Fans ohnehin stärker über Sammlungen, DJs, Clubs oder physische Releases miteinander verbunden sind.

Vinyl ist deshalb nicht nur ein Tonträger. Es ist zunehmend auch Merchandise, Sammlerstück und Teil der Identität eines Künstlers.

Deutschland ist dabei ein interessanter Markt

Die Zahlen des Bundesverbands Musikindustrie beziehen sich auf Deutschland. Für die Schweiz lassen sich daraus nicht automatisch dieselben Marktanteile ableiten.

Die Entwicklung ist aber auch für Schweizer Musikfans und den hiesigen Musikhandel interessant. Denn Musik wird international veröffentlicht und konsumiert. Wenn Vinyl bei Labels, Künstlern und Fans wieder stärker nachgefragt wird, wirkt sich das auch auf den Schweizer Markt aus.

Plattenläden, unabhängige Labels, DJs und Sammler gehören zu einer Musikkultur, die durch Streaming keineswegs verschwunden ist.

Im Gegenteil: Vielleicht sorgt gerade die enorme Verfügbarkeit digitaler Musik dafür, dass das bewusste Musikhören und das Sammeln physischer Tonträger wieder attraktiver werden.

Die eigentliche Überraschung ist nicht Vinyl

Die vielleicht spannendste Erkenntnis aus den aktuellen Zahlen ist deshalb nicht, dass Vinyl wieder wächst.

Überraschender ist, dass Streaming und Vinyl gleichzeitig wachsen können.

Die Zukunft der Musik scheint damit weniger ein Kampf zwischen digital und analog zu sein. Viele Hörer nutzen beides – Streaming für den Alltag und Vinyl für Alben, Künstler und Musik, mit denen sie sich intensiver beschäftigen.

Die Schallplatte ist deshalb vielleicht gar nicht zurückgekommen, um Streaming zu ersetzen.

Sie ist zurückgekommen, weil Musik für viele Menschen eben nicht nur eine Datei oder ein Stream ist.

Und genau deshalb könnte der Abstand zur CD in den kommenden Jahren noch kleiner werden.

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