Soundtrack zur 1:12-Initiative

1zu12

Rhesusäffchen und Menschen leben in komplexen Gesellschaften. Obwohl Individuen beider Arten gelegentlich zu aggressivem Verhalten neigen, leben sie innerhalb ihrer jeweiligen Clans einigermassen konfliktfrei. So bilden sie dichte soziale Netzwerke aus, die der sozialen Kontrolle, der persönlichen Entfaltung oder der Reproduktion dienlich sind und gleichzeitig den Fortbestand der Population sichern. Eigentlich ein Wunder der Natur, wie sich alles ineinander fügt. Diese Art des Zusammenlebens ist dem Ordnungsprinzip der Politik zu verdanken bzw. dem Krieg ohne Blutvergiessen [1]. Politische Systeme unterscheiden sich neben dem Grad ihrer Unfähigkeit in normativer, struktureller und prozeduraler Hinsicht. Rhesusäffchen beispielsweise sind stammesgesellschaftlich, allenfalls aristokratisch organisiert. Menschen, insbesondere in westeuropäischen Populationen, praktizieren einen liberal-demokratischen Populismus. Die individuelle Freiheit bleibt erhalten, da sich technokratische und ochlokratische Tendenzen gegenseitig hemmen. Dadurch sind sie weniger anfällig für Pöbelaufstände, entsprechend geht beim Politikmachen weniger kaputt als anderswo und grundsätzlich zeichnen sie sich durch einen nachhaltigen Umgang mit menschlichen Ressourcen aus. Usw.

Dies mag einer der Gedankengänge eines typischen, stimmberechtigten Schweizers sein, wenn er sich am 24. November auf den Weg ins Abstimmungslokal macht, um über die 1:12-Initiative zu entscheiden. Wo entschieden wird, sind auch Emotionen mit im Spiel. Gerade die Musik vermittelt und erzeugt diese. Was uns zur Frage führt, wie Musik und Abstimmungsverhalten zusammenhängen [2]. Um darauf eine Antwort zu finden und um die Abstimmung kulturell zu begleiten, stellt B.O.N.Z. vier Songs der Öffentlichkeit zur Verfügung.

Die einzelnen Stücke verstehen sich als Soundtrack zum Abstimmungssonntag. Zudem dienen sie als Untersuchungsanordnung für einen politischen Selbstversuch. Dabei wird den Versuchspersonen empfohlen, die eigene politische Grundhaltung zum Abstimmungsthema zu reflektieren und währenddessen die Songs der Reihe nach anzuhören. Für die einzelnen Songs wurden Beobachtungskriterien und Schlüsselfragen erstellt. Diese sind als Hilfestellung für die Selbstanalyse gedacht. Der Proband wird dabei angeregt, zu einzelnen Aussagen Stellung zu nehmen, anhand der Stellungsnahmen wird der Einfluss der Musik auf das politische Bewusstsein systematisch erfasst. Im Rahmen einer vertieften politischen Therapierung wird empfohlen, die Gedanken zu den einzelnen Topics mit den jeweiligen Bezugspersonen zu besprechen. Wer seine Daten der Forschung zur Verfügung stellen will, schreibt selbiges feinsäuberlich auf und sendet es an oszedo@bonz.ch oder als Kommentar auf diesen Beitrag. Oszedo wird die gesammelten Daten auswerten, Statistiken und Grafiken machen.


Motörhead – Eat the Rich: Der Beitrag besticht in seiner Schlichtheit, wobei der handlungsleitende Praxisbezug nicht zu einer Verwässerung der Aussage führt. Nach wie vor state of the art politischer Kommunikation. Am 7.11. Live im Hallenstadion, Zürich.

Inwieweit stimmst du folgenden Aussagen zu?
– Ich finde es übertrieben, Menschen zu essen, nur weil sie reich sind. Deswegen lehne ich die 1:12-Initiative ab!
– Der Song hat meine Meinung nicht verändert. Meine Meinung basiert auf einem gefestigten politischen Bewusstsein, dieses verändert sich nicht wegen eines Youtube-Clips.
– Lemmy versteht mich. Dabei ist das Musikbusiness noch verlogener als die Politik. Ich finde es gut, dass es B.O.N.Z. gibt.

http://youtu.be/HGv0jnDqeog
Einstürzende Neubauten – Prolog/Feurio! In seiner konzeptionellen Tiefe unerreicht, mit einer entgrenzten Metaphorik, welche die Grundzüge der Politik freilegt und stimmungsvoller Ausdruck demokratischer Grundhaltung ist.

Inwieweit stimmst du folgenden Aussagen zu:
– Ich finde nicht, dass das Stück mein Bewusstsein verändert hat. Selbst wenn ich es bis zum Schluss gehört hätte. Und mir ist auch nicht ganz klar, was dies mit der Abstimmung zu tun hat.
– Ich bin tolerant.
– Bestenfalls ist es beschämend, schlimmstenfalls gefährlich, wenn ein durchaus ernstes politisches Thema mit solch einer kulturellen Entartung in Verbindung gebracht wird. Was als kleine Nadelstiche oder freie Meinungsäusserung daherkommt, ist de facto eine Aushöhlung unserer Institutionen und damit ein Angriff auf die Demokratie. Auf der Flucht erschiessen, am besten von vorne!


David Bowie – The Man who Sold the World. Aus seinem Frühwerk, eine messerscharfe und trotzdem versöhnliche gesellschaftliche Skizze.

Inwieweit stimmst du diesen Aussagen zu?
– Ich dachte das Stück sei von Nirvana!
– Ich habe den Text zwar nicht ganz verstanden, finde aber auch, dass es in der Welt gerechter zu und her gehen sollte.
– Bowie und Mick Jagger hatten mal was miteinander.


The Beatles – Piggies. Da der Text von Schweinen handelt, wurde der Song in der Vergangenheit oft mit Missbrauch von Polizeigewalt in Verbindung gebracht, fälschlicherweise. Vielmehr ist das Stück ein Schlüssel zum Verständnis jeglichen politischen Handelns und aufgrund der erzählerischen Qualität pädagogisch wertvoll.

Inwieweit stimmst du diesen Aussagen zu?
– Also ich habe weniger den Eindruck, dass es hier noch um die 1:12-Initiative geht. Es ist zwar drollig, wie der Autor sich abmüht, irgendeine Verbindung zu konstruieren. Für meine politische Entscheidungsfindung ist es aber wenig hilfreich. Schade eigentlich.
– Wenn ich Beatles höre, sehe ich blaue, pulsierende Kreise in meinem zentralen Gesichtsfeld.
– Der Song hat mich in der Absicht bestärkt, nicht abzustimmen.

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[1] Ãœber Entstehung und Nutzen menschlicher Politik wird Unterschiedliches berichtet. So sieht Aristoteles den Menschen als politisches Wesen. Wenn dieser Politik mache, folge er einem Grundinstinkt (telos). Damit sich der Mensch bzw. Mann frei entfalten und vervollkommnen könne, müsse er in der Gemeinschaft leben und politisch mitbestimmen können. Dagegen sehen von Clausewitz oder Mao die Politik eher als eine Form bzw. Methode der Kriegsführung. Vertragstheoretiker wenden ein, Politik sei immer noch besser als Chaos und Krieg, und dass Politik, insbesondere die Demokratie, solche Zustände überwinden könne. – Tatsächlich geht es ihnen um eine Ãœberwindung der aristotelischen Sichtweise! Weiter sei auf die Studien von David Icke verwiesen, wonach die Politik eine Inszenierung invasiver Aliens sei, mit dem Ziel die Menschheit zu versklaven.

[2] Wie aus der Forschung noch nicht hervorgegangen ist, besteht ein direkter Zusammenhang zwischen Abstimmungsverhalten und gehörter Musik.

4 Gedanken zu „Soundtrack zur 1:12-Initiative

  • 9. Oktober 2013 um 09:49
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    Sehr lustig! Habe mich göttlich müsiert- danke Oszede.
    Habe meine Kreuzchen gemacht und dank den Einstürzenden Neubauten auch meine Meinung gefestigt 🙂

    Kleine Frage, was bitte verstehst Du unter ochlokratisch? Habe ehrlich gesagt nicht den Mut zu googeln da ich Angst habe das Internet könnte implodieren.

  • 9. Oktober 2013 um 17:05
    Permalink

    @Teiler
    Gute Wahl! Habe nach den Neubauten mein Weltbild und Karriereplanung ausgerichtet.

    Ochlokratie bedeutet Herrschaft des Pöbels. Eigentlich meinte ich Oligarchie, also die Herrschaft der Reichen. Verwechslung.

    Ich glaube, mit dem Abschnitt meinte ich, dass sich Politikfilz und Lobbies derart gegenseitig blockierieren, dass nichts vorwärts geht, folglich auch die Freiheiten des Pöbels nicht weiter eingeschränkt werden können usw. Das ist so nicht wirklich richtig. Trotzdem schöner Gedanke.

  • 9. Oktober 2013 um 19:50
    Permalink

    Ich musste auch googlen. Aber Ochlokratie triffts m.E. doch ganz gut.

    Ochlokratie ist ein Begriff aus der antiken griechischen Staatstheorie, der vom Historiker Polybios (um 200–118 v. Chr.) eingeführt wurde und seine analytische Bedeutung bis heute behalten hat. Während die Demokratie Polybios zufolge am Gemeinwohl orientiert ist, sieht er die Ochlokratie als Zerfallsform an, in welcher die Sorge um das Gemeinwohl dem Eigennutz und der Habsucht Platz gemacht hat. Insofern gilt die Ochlokratie als eine Entartung der demokratischen Staatsform.

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