Kinski: Das ist als würde Goethe vor einem TV Total Publikum auftreten.

Das ist als würde Goethe vor einem TV Total Publikum auftreten – dies schreibt ein Youtube User als Kommentar unter dem Video und triffts recht gut auf den Punkt. Dieses Video dokumentiert die Premiere des Soloprogramms von Klaus Kinski. Ein Monolog auf der Bühne, der dann von diversen Zwischenrufen und Störaktionen komplett versaut wird. Aber erst mal der Reihe nach:

Jesus Christus Erlöser ist eine Rezitation von Klaus Kinski, einer der bekanntesten Deutschen Schauspieler aller Zeiten, uraufgeführt im Jahr 1971. Thema ist das Neue Testament, der vorgetragene Text ist von Kinski selbst verfasst. Ein Großteil des Textes ist direkt aus dem Neuen Testament übernommen, insbesondere werden Reden Jesu verwendet.

Jesus Christus Erlöser war als große Tournee durch ganz Deutschland geplant und wurde von Kinski am 20. November 1971 in der Deutschlandhalle in Berlin-Westend uraufgeführt. Vor 3000 bis 5000 Zuschauern trug Kinski den Text als Monolog vor. Der Text umfasst etwa 30 Schreibmaschinenseiten (Kinski erwähnte dies während der Aufführung) und sollte in etwa 90 Minuten vorgetragen werden. Dies wurde durch Zwischenrufe aus dem Publikum („Arschloch“) unterbrochen. Kinski fiel aus der Rolle und beschimpfte die Provokateure („Du dumme Sau!“, „Scheiß Gesindel!“). Er brach ab, um den Text nochmal anzufangen. Zwischendurch rief er einen störenden Zuschauer aus dem Publikum auf die Bühne, der sagte, er glaube, dass Kinski nicht der echte Jesus Christus sei, da Jesus „duldsam“ gewesen sei und versucht hätte, andere zu überzeugen und nicht zu sagen:

„Halt deine Schnauze“.

Kinski vertrieb den Zuschauer brüllend von der Bühne mit diesen Worten:

„Nein, er hat nicht gesagt: ‚Halt die Schnauze‘. Er hat eine Peitsche genommen und hat ihm in die Fresse gehauen! Das hat er gemacht, du dumme Sau! Und das kann dir auch passieren!“

Er wandte sich wieder zum Publikum und rief: „Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder, die, die nicht zu dem Gesindel gehören, schmeißen die anderen raus, oder sie haben ihr Geld umsonst bezahlt!“ Mit diesen Worten verließ Kinski die Bühne.

Als er wieder auftrat, brachten nach einer Weile weitere Zwischenrufe Kinski wieder aus der Fassung; er stieß einen Zuschauer von sich weg und ließ ihn von der Bühne stoßen. Er drohte, den Vortrag abzubrechen und ging abermals, diesmal mit den Worten: „Und wenn nur ein einziger übrig bleibt, der das hören will, so muss er warten, bis das andere Scheiß-Gesindel weggegangen ist!“ Zuschauer betraten die Bühne und wandten sich per Mikrofon an das Publikum. Ordner drängten einen Zuschauer von der Bühne; im weiteren Verlauf forderten einige Zuschauer, Kinski solle sich bei dem Zuschauer entschuldigen und skandierten „Kinski ist – ein Faschist“.

Im weiteren Verlauf trug Kinski den Text mit weiteren Unterbrechungen vor (etwa eine Stunde), bis er die Aufführung aufgrund der Zwischenrufe abbrach. Ein Großteil der Zuschauer verließ den Vortrag.

Später, etwa um Mitternacht, erschien Kinski nochmal vor der Bühne im Zuschauerraum, wo etwa 100 bis 200 Personen verblieben waren. Er setzte, mit schwacher Stimme, nochmal von Anfang des Textes an. Er unterbrach wegen störender Geräusche und setzte ein zweites Mal an, diesmal trug er den ganzen Text vor. Etwa zwei Stunden nach Mitternacht war die Aufführung beendet.

Die Pressekritiken der nächsten Tage waren zumeist sehr negativ. Kinski wurde, wie es auch ins übliche Kinski-Klischee passte, als nicht ganz ernst zu nehmender Krawallmacher beurteilt.

Es kam noch zu einer zweiten Aufführung am 27. November in der Düsseldorfer Philipshalle, die offenbar ohne nennenswerte Störungen verlief. Der Rest der Tournee wurde aufgrund der Insolvenz des Konzertveranstalters abgesagt. Dieser zweite Auftritt war Kinskis letzter Bühnenauftritt überhaupt.

Christian Mäder

BITLAKE | Content Distribution

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