Margret Greiner: Sophie Taeuber-Arp. Der Umriss der Stille

Von Bekanntem ausgehen, um sorgfältig ins Mögliche – und Möglichgewesene – vorzudringen ohne dabei dem Unwahrscheinlichen und Unglaubwürdigen zu verfallen; beim Schreiben einer Romanbiografie ist in vielerlei Hinsicht grosse Vorsicht geboten. So gilt es doch den als Figuren porträtierten historischen Personen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, diese nicht zu literarischen Zerrbildern zu degradieren.
Bei der Künstlerin Sophie Taeuber-Arp (1889-1943) ist die ‚Dokumentenlast’ immens. Da sind die zahlreichen mehr oder minder bekannten Kunstwerke, (Fremd-)Zeugnisse etc. – Artefakte und Fakten, Hinterlassenschaften, bekannte und ungekannte Spuren eines vergangenen Lebens, die beim Schreiben berücksichtigt werden wollen. Es gibt ein gelebtes Leben, dessen Eckdaten bekannt sind. Entsprechend imposant liest sich denn die Literaturliste, die Margret Greiner in ihrem soeben erschienen Buch „Sophie Taeuber-Arp. Der Umriss der Stille“ beigefügt hat. Darin versammelt sind aufgegriffene verpflichtende Spuren und (fremde) Sichtweisen auf die ‚Romanprotagonistin’.
Noch näher heran an den Menschen hinter der Figur gelangt man durch dessen Selbstzeugnisse. Margret Greiner hat Sophie Taeuber-Arps bisher unveröffentlichte Briefe und Tagebücher eingesehen und Zitate daraus in verschiedenen Passagen ihres Textes eingewoben. Es ist dies ein Stimmgebungsverfahren, welches zwar mit Notiertem vorlieb nehmen muss, aber uns Lesenden doch eine Ahnung davon gibt, wie die Frau, die vor Allem durch ihre Kunstwerke sprach oder die sich etwa im doch eher ‚lauten’ männerdominierten Milieu des DADA im Cabaret Voltaire eindrucksvoll durch ihren Tanz zu behaupten vermochte, gewesen sein könnte – eine Annäherung an ihren Charakter. Die Übersetzung von Notizen in Figurenreden und -gedanken ist ein riskantes Unterfangen; gleiches gilt für die Konstruktion der – ohne Zeugen vonstatten gehenden – Dialoge zwischen historischen Personen. Es obliegt letztlich den Lesenden zu entscheiden, ob sie diesem genrekonstitutiven Spiel Glauben schenken oder nicht, sich darauf einlassen oder eben nicht.
Beim vorliegenden Buch lohnt es sich dem Spiel beizuwohnen (es ist übrigens keineswegs so – wie man nun fälschlicherweise meinen könnte – dass erfundene Dialoge das Buch dominieren). Margret Greiner gelingt ein sensibles Porträt ohne dabei – ganz im Sinne ihrer Protagonistin – ins Ornamentale abzugleiten. Erzählt wird die Geschichte einer äusserst talentierten, auf vielen Feldern tätigen Künstlerin, die – früh schon Halbwaise – dem Spruch ihrer Mutter „La chance sourit aux audacieux“ getreu, einen emanzipatorischen unkonventionellen Lebensweg beschreitet; einer bescheidenen Frau, die lieber still und fleissig im Hintergrund arbeitet und anderen das Rampenlicht überlässt. Anderen? Allen voran ist da Hans Arp, ab 1922 ihr Ehemann, zu nennen, eine nicht immer einfache Liebesgeschichte an deren Anfang ein künstlerisches Einverständnis steht, das sich in kongenial geschaffenen Werken zeigt.
Margret Greiners lesenswertes Buch ist Resultat einer vorsichtig und gewissenhaft vollzogenen Recherche und deshalb auch über die Lebensschilderung hinaus äusserst informativ, ja gleichsam – aufgrund der Figurenkonstellation, man staunt, wer da alles auftaucht – eine kleine Geschichte der künstlerischen Avantgarde der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Was man sich nach der Lektüre des Buches noch fragen könnte, ist, ob da im Buchtitel möglicherweise ein „n“ verloren gegangen ist: „Sophie Taeuber-Arp. Der Umriss der Stillen“ würde als Buchtitel nämlich auch ganz gut passen.–

Margret Greiner: Sophie Taeuber-Arp. Der Umriss der Stille.
Romanbiografie. 286 Seiten. Zytglogge, 2018. CHF 32.00 / EUR 29.00 ISBN 978-3-7296-5002-2

n.n.m.s.

Kompost und Komposita.

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