Netflix: Der Tinder-Schwindler

Die Regisseurin des geschmacklosen Netflix-Hits „Don’t F**ck With Cats“ (2019), Felicity Morris, ist mit einer weiteren brisanten Dokumentation zurückgekehrt: „Der Tinder-Schwindler“ (2022).

Der Tinder-Schwindler, der auf Platz 1 der Top 10 der deutschen Netflix-Trends steht, erzählt die wahre Geschichte von Simon Levievs Betrug und Ausbeutung zahlreicher Frauen auf der ganzen Welt über die beliebte Dating-App Tinder. Im Mittelpunkt stehen drei von Levievs Opfern. Der Film besteht aus Interviews, Archivmaterial und Rekonstruktionen, die den Aufstieg und Fall seines globalen Betrugs dokumentieren.

Simon Leviev gibt sich als Sohn des berühmten israelischen Geschäftsmanns und Investors Lev Leviev aus und führt ein extravagantes Leben als Multimillionär. Er reist in seinem Privatjet um die Welt und verführt Frauen in Europa und Asien mit seinem Playboy-Lifestyle.

Leviev nutzt Tinder, um für seinen Reichtum zu werben, und folgt diesem ‚Köder‘ mit aufregenden und vielversprechenden Verabredungen, auf die seine Opfer wirklich hereinfallen. Es dauert jedoch nicht lange, bis Leviev beginnt, diese unschuldigen Frauen auszubeuten, und das Ausmass seines Betrugs wird deutlich, als er ihr Vertrauen und ihr Geld ausnutzt, um seinen Betrug auf der ganzen Welt fortzusetzen.

Levievs Betrug ist eine hochkomplexe Täuschung, aber Netflix geht gut mit der Geschichte um und gibt uns die Informationen in der gleichen Reihenfolge, in der die Opfer sie erhalten haben. Mit 114 Minuten ist Der Tinder-Schwindler recht lang, aber das ist angesichts der Länge und Komplexität der Geschichte gerechtfertigt – es gibt nur wenige Momente, die sich ziehen.

Eine effektive Art und Weise, wie der Film seine Zuschauer bei der Stange hält, ist die Wiederholung von Rekonstruktionen; es gibt mehrere dramatische Szenen, in denen Schauspieler die Ereignisse nachspielen, die ein Interviewpartner im Voice-over erzählt. Dies ist eine unorthodoxe Methode für Dokumentarfilme, aber in Der Tinder-Schwindler funktioniert sie wirklich.

Ergänzt wird diese fesselnde Methode durch ein umfangreiches Archiv mit echten Aufnahmen, die mit den Handys der Opfer gefilmt wurden, und Screenshots von Social-Media-Austauschen zwischen den Frauen und Leviev. Der Dokumentarfilm verwendet auch Ausschnitte aus anderen Filmen und kontrastiert Levievs romantischen Betrug auf grausame Weise mit Reden und Szenen über die wahre Liebe.

Der Tinder-Schwindler wechselt nahtlos und ohne Wegweiser zwischen den Konten der Opfer. Als Zuschauer empfinden wir grosse Sympathie für Levievs Opfer und sind mit ihnen bei der Enthüllung der Geschichte auf einer Linie: Wir erleben die gleichen Intrigen, Manipulationen, Zweifel und Verrat wie die Opfer, auch wenn für uns als Zuschauer nicht so viel auf dem Spiel steht.

Einer der tragischsten Aspekte dieser Betrügereien ist die Tatsache, dass sie durchschaubar sind. Hier wird die Motivation hinter der Nutzung der App Tinder deutlich: Leviev setzt auf das Vertrauen, das romantische Partner voraussetzen, um seine Opfer dazu zu bringen, sich auf Betrügereien einzulassen, die jeder andere direkt in den Spam verschicken würde. Diese Betrügereien finanzieren den Lebensstil, den Leviev schon immer wollte, und dies bietet eine Art Bindung zwischen ihm und seinen Opfern. Er hat sie mit seinem eigenen Traum betört, denn auch sie werden von der Magie des Luxus verführt: Sie wollen ihm glauben.

Insgesamt werden am Ende des Films verschiedene Fäden der Handlung verknüpft, aber ein paar davon werden leider vergessen, so dass keine befriedigenden oder überzeugenden Schlussfolgerungen gezogen werden können.

Seit der Premiere letzte Woche wurde berichtet, dass Leviev sich geweigert hat, in dem Film mitzuwirken und Netflix sogar mit einer Klage wegen der Darstellung seiner Person gedroht hat. Und die Serie ist daher eine ziemlich einseitige Hetzjagd geworden. Man kann das nicht anders sagen. Denn es wird nicht eine kriminelle Firma verfolgt, sondern ein Individuum. Und selbst wenn Simnon für alle nachgesagten Verbrechen schuldig befunden worden wäre, was aber nicht der Fall ist (!), hat doch jeder Mensch eine zweite Chance verdient. Durch die Publikation und die hohen Rankings in den Google-Suchresultaten ist nun sein Name für immer gebrandmarkt. Netflix wird sicher verklagt werden — wenn sich denn alles so zugetragen hat, wie erzählt wird.

Es geht hier nicht darum, den Schaden der Opfer und der daraus enstehenden Folgen für ebendiese, finanziell sowie psychisch, klein zu reden. Es ist aber zu hoffen, dass Netflix auch mal Budget für investigativen Journalismus einsetzt, der nicht persönlichkeits Rechte verletzt sondern echte Whistleblower unterstützt und Machenschaften aufdeckt, die tatsächlich grosser Tragweite und vor allem von öffentlichem Interesse sind.

Der Tinder-Schwindler ist ein fesselnder und grösstenteils gut gemachter Dokumentarfilm. Nicht so geschmacklos wie ‚Don’t fuck with Cats, aber nicht minder brisant.

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